Die Geschichte des Equality-Tanzsportes in Deutschland

L.U.S.T. – Kleine Chronik 1989 – 1995

Schwul-lesbisches Tanzen in München begann im Winter 1988 in der studentischen Schwulengruppe HALT (Homosexuelle Alternative). Johannes Bucej und ich (damals beide heterotanzend im TTC München) waren regelmäßige Gäste dieser Gruppe und kamen auf die Idee, als Freizeitaktivität einen Tanzkurs für die Gruppenmitglieder anzubieten. Der fand dann auch an sechs Abenden inklusive eines kleinen Abschlussballs in den Räumen der Evangelischen Studentengemeinde (ESG) in Schwabing statt.
Im Anschluss beschlossen wir, das Ganze auf eine breitere Basis zu stellen und künftig ganz allgemein Tanzkurse für Lesben und Schwule anzubieten. Die ESG stellte uns dazu ihren großen Gruppenraum zur Verfügung. Im Münchner Stadtmagazin schalteten wir in den Rubriken „Er sucht ihn“ und „Sie sucht sie“ Kontaktanzeigen. Der erste öffentliche Kurs fand dann im Wintersemester 1989/90 statt. Rund 25 TeilnehmerInnen kamen zur Premiere.
Jeweils in den Semesterzeiten – denn nur dann waren die Räume der ESG verfügbar – wurden in den Folgejahren neue Tanzangebote unterbreitet. Schon zur zweiten Auflage im Frühjahr 1990 waren fast 100 Interessierte erschienen und die Abende wurden in vier Schichten á 60 Minuten eingeteilt. Zu den Anfängern kamen Fortgeschrittene I und Fortgeschrittene II.
Johannes Bucej stieg bald aus und mit Christine Nadwornizek bekamen wir eine neue Übungsleiterin, die bald zusammen mit Bernd Müller die Geschicke des Clubs leitete.
1990 wurde auch der Name L.U.S.T. geboren: L.U.S.T steht für „Lesbischer und Schwuler Tanzkurs“ – ein Name, den wir auch im Zuge der offiziellen Vereinsgründung im Jahr 2000 als „Latein- und Standard-Tanzsportclub“ beibehalten haben. (Bis 2000 war L.U.S.T. ein privat geführter Tanzclub ohne offizielle Vereinsstruktur.)
Ebenfalls 1990 feierten wir unseren ersten Abschlussball im Münchner „Zunfthaus“. Dort veranstaltet L.U.S.T. übrigens noch heute seine Weihnachtsfeiern und monatlichen Tanztees. Zu diesem Ereignis studierten wir unsere erste Tanzeinlage ein, der noch viele weitere Folgen sollten. Denn nicht nur für die eigenen Bälle waren das schöne Shows, auch von Straßenfesten, Partys und CSDs kamen Anfragen. Unser Charleston – die Männer in Frauenkleidern, die Frauen in Anzug und Krawatte! – führte uns z. B. auch nach Köln oder Hamburg zu lesbisch-schwulen Tanzbällen.
Zwei Mal im Jahr gab es künftig in München Abschlussbälle, die ab 1991 im „Grünen Saal“ des Augustiner-Brauerei stattfanden. Als uns 1994 die Einladung aus Oldenburg zu ersten schwul-lesbischen Tanzturnier auf deutschen Boden erreichte, begannen wir mit angeleitetem Turniertraining und schickten zwei Paare nach Oldenburg, wo insgesamt 12 Paare am Start waren und die Tänze einzeln gewertet wurden.

Die EuroGames Frankfurt 1995 boten das erste große Parkett für gleichgeschlechtliches Tanzen. München war dort mit fünf Paaren vertreten. Spätestens zu diesem Zeitpunkt hatte sich das Turniertanzen einen festen Platz bei L.U.S.T. erobert. Jedoch war der Gesellschaftstanz schon immer die Basis des Clubs – und ist sie bis heute.
 
Text: Bernd Müller - L.U.S.T. 2000 München

Der Artikel steht auch als PDF zum Download zur Verfügung: LUST_1989-1005.pdf