Die Geschichte des Equality-Tanzsportes in Deutschland

Vom Sofa auf die großen Flächen dieser Welt

Der Werdegang des schwul-lesbischen Turniertanzens aus der Sicht eines langjährigen Teilnehmers –  ein Beitrag in der Festschrift zur 2. Offenen Deutschen Meisterschaft für Frauen- und Männerpaare, 6./7. Mai 2006 in Köln

Frankfurt, April 1995. Anlässlich der 3. Eurogames versammeln sich an diesem historischen Osterwochenende 101 Tänzerinnen und Tänzer zum ersten internationalen schwul-lesbischen Tanzturnier. Ob es davor bereits Anlässe gab, bei denen Männer- und Frauenpaare um Trophäen kämpften – wer weiß? Jedenfalls konnte der Verfasser dieser Zeilen keine Hinweise auf derartige Events auftreiben. Daher dürfen sich die Teilnehmer am damaligen Eurogames-Turnier in der Rückschau durchaus als Pioniere betrachten.

Austragungsort des Wettbewerbs war keine große Sporthalle oder zumindest ein renommierter Tanzclub – nein, man und frau traf sich im beschaulichen Bürgerhaus Bornheim. Und auch sonst war alles ein wenig anders als heute. Jene Tänzer, die bereits im „normalen“ Turnierbereich Erfahrungen gesammelt hatten oder Tanzlehrer waren, wurden in einer Profi-Klasse zusammengefasst und nur sie mussten alle fünf Tänze der Standard- bzw. Lateinsektion präsentieren. Alle reinen Hobbysportler – und diese waren deutlich in der Mehrzahl – tanzten ebenfalls in einer gemeinsamen Klasse. Jedoch wurde darin jeder Tanz einzeln gewertet, so dass sich etwa ein Anfängerpaar entscheiden konnte, beispielsweise nur im Langsamen Walzer, Cha-Cha-Cha und Jive zu starten. Das hatte aber auch zur Folge, dass etwa im Paso Doble gerade einmal drei Paare zu begutachten waren. Wer aber in allen Tänzen antrat und jeweils vorn lag, konnte sich am Ende des Tages unter Umständen über zehn Medaillen freuen und damit die Teilnehmer anderer Sportarten beim Eurogames-Abschlussbrunch neidisch machen...


Diese Lorbeeren wurden natürlich schon damals in edler Turniergarderobe errungen, obwohl – aus der Erinnerung tauchen so aparte Kombinationen auf wie schwarze Hemden mit weißen Fliegen und weißen Hosenträgern (brrr!). Ein „Profi“-Männerstandardpaar hatte sich immerhin zur Hälfte in einen Turnierfrack gehüllt, die andere Hälfte dagegen bewegte sich in einem samtenen, bunten Patchwork-Outfit, welches unwillkürlich an einen Sofabezug denken ließ. Und im Lateinturnier der oberen Klasse präsentierte sich gar ein männlicher Teilnehmer in eindeutig weiblicher Kleidung – einschließlich angeklebter langer Wimpern und Fingernägel...


(Tief in den Archiven der ehemaligen TeilnehmerInnen habe wir ein paar Videoaufnahmen des Turniers gefunden. Wir bitten, die zum Teil schlechte Bild- und Tonqualität zu entschuldigen. Und noch eine Bitte: Sollten sich die einen oder anderen auf den Videos wiedererkennen und uns noch einige interessante Anekdoten über die Eurogames 1995 oder die Entwicklung des Equalitytanzsport erzählen können, würden wir uns freuen, wenn ihr euch mit dem Vorstand des DVET in Verbindung setzen könntet. H.D.)
http://www.youtube.com/channel/UCXM38YuNFX1Ol79gH96N_2A

Seither hat sich im Equality-Turniertanzen einiges verändert. Zunächst trug der Erfolg des Frankfurter Eurogames-Turniers sicherlich dazu bei, dass in den folgenden Jahren in verschiedenen Städten Wettkämpfe für Frauen- und Männerpaare aus der Taufe gehoben wurden, die teils nur ein kurzes Dasein fristeten, teils aber auch bis heute zum festen jährlichen Turnierprogramm gehören. So traf bzw. trifft sich die schwul-lesbische Tanzgemeinde in Deutschland unter anderem in Oldenburg, Bremen, Berlin, Hannover, Bielefeld, Münster, Düsseldorf/Neuss, Köln, Frankfurt und München. Darüber hinaus wurden die tänzerischen Kräfte aber zum Beispiel auch schon in London, Nijmegen, Kopenhagen, Zürich und Wien gemessen. Im Jahr 1998 fand zudem das erste Tanzturnier im Rahmen der Gay Games in Amsterdam statt. Aufgrund der großen Teilnehmerzahl wurde der Wettbewerb in den Sporthallen Zuid parallel auf zwei Tanzflächen ausgetragen; die Klasseneinteilung reichte von A – den fortgeschrittensten Turnier- und Profitänzern – bis F, wo sich diejenigen messen konnten, deren Tanzlaufbahn erst vor kurzem begonnen hatte. Vier Jahre später erklangen Tango, Samba und Co. Sogar „Down under“ – bei den folgenden Gay Games in Sydney.

Die weiteren Turnier-Highlights all der vergangenen Jahre aufzuzählen, würde zu viele Seiten füllen – zumal jeder Teilnehmer gewiss ganz unterschiedliche besondere Momente an sein Lieblingsturnier in Erinnerung hat. Was die Austragungsorte angeht, so war ein Höhepunkt sicherlich die Eurogames 2004 in München, wo nicht nur die Eröffnungsfeier, sondern eben auch die Tanzwettbewerbe in der altehrwürdigen Olympiahalle auf einer wahrhaft riesigen Fläche stattfanden. Leider war bei letzterer Veranstaltung nur ein recht kleiner Teil der mehr als 10.000 Sitzplätze mit Fans und Zuschauern besetzt...
Wie sich das Turniergeschehen im Equalitybereich gemausert hat, lässt sich am besten bei einem Sprung aus dem Jahr 1995 ins Jahr 2005 erkennen. Abermals wurde ein Tanzwettstreit im Rahmen der Eurogames durchgeführt, diesmal in Utrecht. Doch statt in einem kleinen Bürgerzentrum versammelten sich die Tänzer nun in einer weitläufigen Sportanlage, den „Vechtsebanen“. Das war auch nötig, denn mehr als 300 Paare hatten sich auf den Weg in die Niederlande gemacht, um die „Europameister“ zu küren. Gewertet wurde – wie mittlerweile bei fast allen großen Turnieren – nicht mehr nur getrennt nach Leistungsklassen jeweils in Standard und Latein. Auch Frauen- und Männerpaare starteten inzwischen getrennt – was das Leben vieler Wertungsrichter mit Sicherheit erleichtert. Außerdem gab es eine eigene Seniorenklasse, in der all jene Paare starten durften, deren Durchschnittsalter jenseits der 40 Jahre lag.
Verglichen mit dem Frankfurter Turnier von 1995 machte Utrecht vor allem deutlich, dass „unser“ Turniertanzen längst aus der belächelten Exotenecke herausgekommen und sich in vielerlei Hinsicht dem traditionellen Turniergeschehen angenähert hat. So erwerben viele Paare ihre Kenntnisse mittlerweile nicht mehr in abgeschiedenen schwul-lesbischen Tanzkreisen, sondern trainieren Seite an Seite mit den Heteropaaren in etablierten Tanzclubs unter renommierten Trainern. Dank der besseren Trainingsbedingungen und aufgrund des bei vielen Tänzern kräftig gewachsenen Ehrgeizes, ist das Niveau der Turniere in den vergangenen Jahren zweifelsfrei und auch für den Laien-Zuschauer sichtbar, enorm angestiegen. Die Wandlung spiegelt sich ebenfalls in den Roben wider, die zu Walzer- und Rumbaklängen auf der Fläche getragen werden. Obwohl die Equality-Regelungen keine so strenge Kleiderordnung vorsehen und viele Paare immer wieder eigene Akzente setzen, so würde ein großer Teil der Outfits – vom Standardfrack bis zum paillettenbesetzten „Lateinfummel“ – doch auch auf einem Heteroturnier wohl kaum besonders, und schon gar nicht unangenehm, aus dem Rahmen fallen.
Was sich allerdings nach wie vor vom herkömmlichen Turniergeschehen unterscheidet, ist, dass auf jedem gleichgeschlechtlichen Tanzturnier grundsätzlich jedes Paar willkommen ist. Selbst für Eurogames und Gay Games, also gewissermaßen die Welt- und Europameisterschaften, muss sich niemand erst auf nationaler Ebene qualifizieren. Dennoch wurde vor einigen Jahren der Ruf lauter, doch endlich auch mal deutsche Meister zu küren. Die erfolgreiche Pionierarbeit auf diesem Gebiet vollbrachten schließlich im vergangenen Jahr unsere Freunde vom pink ballroom in Berlin – wobei auch sie dem Prinzip des offenen Turniers treu blieben.
Heute also macht der Equality-Tanzzug einmal wieder Station in Köln, diesmal zur zweiten offenen deutschen Meisterschaft. Bleibt zu hoffen, dass in einem etwaigen Rückblick in späteren Jahren auch die heutige Veranstaltung zu den Etappen des schwul-lesbischen Turniertanzens gehört, an die man sich gerne erinnert. Wer weiß, wohin die Reise noch führt...

Text: Alexander Weber
Video: Andreas Hoffmann